Raum 5

 

Klostermauer des Rottweiler Dominikanerkonvents

im 13. Jahrhundert

 

 

 

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Municipium Arae Flaviae / Rottweil

Die römische Stadt, das Municipium Arae Flaviae, hat die gleiche Hauptstraße (Cardo maximus) wie Kastell III. Die von Straßburg / Argentorate kommende Rhein-Donau-Straße benutzt diese Hauptstraße bis zum Gräberfeld im Kapellenösch, wo sie nördlich des Gräberfeldes in Richtung Tuttlingen, nach Rätien abbiegt. Im Forum (Villa A) an der Fernstraße hat Peter Goessler 1906 das Bruchstück einer Kaiserinschrift, einer Bauinschrift aus dem Jahre 75 n.Chr. als Spolie vermauert gefunden (siehe Kaiserinschrift Nr.4 im Mosaikraum). Mit Caesar Augusti Filius, Consul III, designatus IIII ist Domitiian im Jahre 75 n.Chr. gemeint  -    ein Jahr zuvor wird er in der Inschrift des Offenburger Meilensteines, mit Consul II, designatus III, im Jahre 74 n.Chr. genannt.

Geländemodell des Municpiums Arae Flaviae.

 

Municipium Verulamium / St.Albans in England

Das nördlich von London / Londinium gelegene Municipium Verulamium / St.Albans (Hertfordshire), Vorort der Catuvellauni, gelangt in flavischer Zeit (69-96 n.Chr.) zu großem Wohlstand. Aus dieser Epoche stammt die gleiche Forumsanlage wie in Rottweil. Auch in dem Forum Verulamium wurden Bruchstücke einer Bauinschrift aus dem Jahr 79 n.Chr. ausgegraben.

 

Inschrift von Verulamium aus dem Jahr 79 n.Chr.

FO: Forum Verulamium

[Imp(eratori) Tito Caesari divi] Vespa[siani] f(ilio) Ves[pasiano Aug(usto) / p(ontifici) m(aximo) tr(ibunicia) p(otestate) VIIII, imp(eratori) XV , co(n)s(uli) VII,] desig[(nato) VIII, censori, patri patriae / et Caesari divi Vespa]sian[i f(ilio) Do]mi[tiano, co(n)s(uli) VI, desig(nato) VII, principi / iuventutis et] omn[ium collegiorum sacerdoti / Cn(eio) Iulio A]gric[ola Legato Aug(usti) pro] pr(aetore) / [civitas Catu]vel[launorum foro exor]nata

Übersetzung

Dem Imperator Titus Caesar Vespasianus Augustus, des göttlichen Vespasianus Sohn, / Oberpriester, als er die tribunizische Gewalt zum 9.Mal inne hatte, Imperator zum 15.Mal, Konsul zum 7.Mal war, designiert zum 8.Mal, Censor, Vater des Vaterlandes / und dem Caesar, des göttlichen Vespasianus Sohn, Domitianus, als er Konsul zum 6.Mal war, designiert zum 7.Mal, dem ersten / der wehrfähigen adeligen Jugend und aller Priesterkollegien zu Ehren / hat zur Zeit der Statthalterschaft des Cneius Iulius Agricola / die Stadt der Catuvellauner ein Forum erhalten.

 

 

 

Öffentliche Bauten im Municipium Arae Flaviae

1.  Forum (Villa A)

Alberti und Hölder hatten südlich des Hofgutes Hochmauren ein Gebäude angegraben, das Goessler 1906 erneut untersucht und als „Villa A“ bezeichnet. Goessler stellt einen großen Innenhof fest, der im Osten und Süden von einem Porticus mit anschließenden Räumen umgeben und im Westen von einer Basilica mit Apsis im Südwesten begrenzt wird. Die Westseite hat einen rechteckigen Anbau mit Apsis auf massiven Fundamenten (mit Strebepfeilern) und einen außen angesetzten rechteckigen Bau. In den Anbauten fanden sich qualitätvolle Reste von Wandmalerei und Teile einer Hypokaustanlage. Goessler datiert die Anfänge des Baues, der noch weiter in das Hofgrundstück Hochmauren reicht, in das 1.Jhd.n.Chr.

 

Ausgrabungen 1988

Untersuchungen des LDA 1988 im Hofgut Hochmauren zeigten, daß das Gebäude (die sogenannte Villa A) eine Fortsetzung nach Norden hat. C.S.Sommer errechnet eine N-S-Ausdehnung des Gebäudes von mehr als 60 m. Er stellt fest, daß die aufgedeckten Mauern bis zu 1,3 m breit sind und für den Bau der Basilica das im Westen zum Neckar hin abfallende Gelände in römischer Zeit bis zu 2 m aufgefüllt wurde. Er ist der Meinung, daß der jenseits der Straße, dem Cardo maximus, gelegene, an drei oder vier Seiten von einem Porticus umgebene, nach der gleichen Achse ausgerichtete Hof zur gleichen Anlage gehört und vergleicht die Anlage mit den Forumsanlagen von Augst / Augusta Raracorum, Silchester / Calleva Atrebatum und Ladenburg / Lopodunum. Sommer vermutet für das Rottweiler Forum eine Ausdehnung von etwa 100 m x 60 m und weist darauf hin, daß auch das 160 m x 80 m große Forum in Augst von der dortigen Hauptstraße (cardo maximus) in zwei Teile geteilt wird.

 

Forum in Verulamium

Schon Alfred Rüsch hatte die Rottweiler Villa A mit dem Forum in Verulamium / St.Albans nördlich von London / Londinium verglichen. In Verulamium / St.Albans, am Kreuzungspunkt der Fernstraßen: London / Londinium – Wroxeter / Viroconium und Colchester / Camulodunum – Gloucester / Glevum entsteht an dem Flüßchen Ver, ähnlich wie in Rottweil am Neckar, in der 2.Hälfte des 1.Jhds.n.Chr. als Hauptort der gallischen Catuvellauni eine unbefestigte Siedlung, die Tacitus (annalen 14,33) als Municipium bezeichnet. Die Siedlung gelangt in vespasianischer Zeit zu großem Wohlstand. Aus vespasianischer Zeit stammt die gleiche Forumsanlage wie in Rottweil mit Innenhof, Basilica und drei rechteckigen Anbauten im Südwesten, von denen der mittlere als Curia, Versammlungsraum der Decurionen, anzusprechen ist.

 

Bauinschriften in Verulamium und Rottweil

Sowohl in dem Forumsgebäude in Verulamium als auch in dem Forum in Rottweil wurden Bruchstücke von Bauinschriften gefunden. Die vor dem Eingang der Basilica in Verulamium ausgegrabenen Inschriftbruchstücke gehören zu einer etwa 1,02 m x 4,68 m großen Inschriftplatte mit Rahmenleiste (wie in Rottweil). Die von den Ausgräbern in das Jahr 79 n.Chr. datierte Inschrift - der Name Domitians ist rasiert (damnatio memoriae) - berichtet von einem zur Zeit der Statthalterschaft des Cneius Iulius Agricola (77/78-83/84 n.Chr. Statthalter von Britannien) "Geschmückten oder Verliehenen": [or]NATA, [exor]NATA oder [do]NATA. Die Ausgräber vermuten, daß die Inschrift sich auf den Neubau der Basilica oder des Forums bezieht.

Auch die von Goessler und Barthel in das Jahr 75 n.Chr. datierte Rottweiler Bauinschrift (s.o) berichtet von etwas Neuem, das geschaffen wurde: NOVI F[aciendum curaverunt]. Im Jahre 75 n.Chr. kommen in Rottweil in erster Linie Bauten und Neueinrichtungen der entstehenden bürgerlichen Siedlung südlich von Kastell III in Betracht. In der Rottweiler Kaiserinschrift ist im Jahre 75 n.Chr. außer Domitian die Nennung des Kaisers Vespasian und seines Sohnes Titus zu erwarten. Eine Rekonstruktion der Inschrift mit Titulatur der drei Flavier im Jahre 75 n.Chr. (wie sie Zangemeister für die Rekonstruktion der Inschrift des Offenburger Meilensteines, auf dem ebenfalls nur der Name Domitians erhalten ist, für das Jahr zuvor, 74 n.Chr., annimmt) ergibt eine ungefähre Größe der Inschriftplatte von etwa 1,70 m x 5 m. Dieser Dimension entspricht die Größe der Rahmenleiste.

Wir haben das Inschriftbruchstück nach oben mit der Rahmenleiste durch eine Kunststeinnachbildung ergänzt und im Mosaikraum ausgestellt (an der Treppe). "Die Buchstabenhöhe von 16 cm zeichnet die Inschrift als Monumentaltitel aus, wie er hoch über dem Betrachter zu finden ist" (G.Walser). Die Inschrifttafel könnte in der Basilica oberhalb des Einganges zu der etwa 10 m breiten, mutmaßlichen Curia, dem Versammlungsraum der Decurionen, angebracht gewesen sein.

Es ist zu wünschen, daß durch Ausgrabungen im Bereich des Forums bald weitere Bruchstücke dieser für die Geschichte von Arae Flaviae / Rottweil so wichtigen Kaiserinschrift, der ältesten Inschrift und einzigen Kaiserinschrift Württembergs, gefunden werden.

 

Wer sind die Neusiedler ?

Die Stationierung von Legionssoldaten in Kastell III rechtfertigt die Annahme, daß es sich um Veteranen (veterani) handelt, die Kaiser Vespasian als Neusiedler in das neu zu gründende Municipium Arae Flaviae als Veteranensiedlung abkommandieren ließ. In die nähere Wahl kommen Veteranen der oberen Heeresgruppe (exercitus superior): Legio XI Claudia pia fidelis in Vindonissa / Windisch (in Rottweil wurden zahlreiche Ziegelstempel der 11. Legion von Windisch / Vindonissa gefunden), Legio VIII Augusta in Argentorate / Straßburg, Legio I Adiutrix und Legio XIV Gemina in Mogontiacum / Mainz. Die Legio VII Gemina - vielleicht auch nur eine Vexillatio - war um 73 n.Chr. vorübergehend aus Spanien an den Oberrhein abkommandiert worden. Den Namen Arae Flaviae dürfte Vespasian für seine Neugründung im Hinblick auf die Provinzgründungen nördlich der Alpen gewählt haben: Die Ara Romae et Augusti in Lugdunum / Lyon war seit 12 v.Chr. Mittelpunkt der drei gallischen Provinzen, die Ara Ubiorum im Oppidum Ubiorum / Köln war bis zum Jahre 9 n.Chr. Mittelpunkt der großgermanischen Provinz bis zur Elbe (Provincia Germania magna). Arae Flaviae / Rottweil sollte Mittelpunkt des 74 n.Chr. neu hinzugewonnenen rechtsrheinischen Gebietes werden.

 

Veteranenvexillum

Seit Augustus (31 v.Chr. – 14 n.Chr.) werden die Legionssoldaten nach zwanzigjähriger Dienstzeit entlassen (missici). Sie werden ihres Schwures entbunden (exauctorari) und hören auf, unter dem Befehl des legatus legionis zu stehen. Sie bleiben aber weiterhin im jeweiligen Legionslager unter dem Vexillum, unter welchem sie in die ihnen bestimmte Colonia oder Municipium abgeführt werden sollen, vereint und heißen Vexillarii. Angeführt werden sie von einem Curator veteranorum, der nach Theodor Mommsen von ihnen gewählt wird und etwa den Rang eines Adlerträgers (aquilifer legionis) hat. Neben und unter dem Curator stehen ein Quaestor veteranorum und ein Actor. Nach ihrer Entlassung (missio honesta) können die Veteranen ihren Alterssitz frei wählen: Stadt, Lagervorstadt, auf dem Lande. Nach Joachim Marquardt existiert in den Lagervorstädten (canabae legionis) anfänglich eine Verfassung, nach der ein Rat (ordo) von Decurionen und als militärischer Vorstand ein Curator veteranorum et civium Romanorum, qui consistunt ad canabas legionis, gewählt wird. Daneben kommt auch ein Quaestor veteranorum vor. Am Ende des 1.Jhds.n.Chr. wird der militärische Curator durch eine bürgerliche Behörde ersetzt: durch zwei Magistri und einen Aedilis. Theodor Mommsen sieht darin eine Nachbildung der Municipalmagistratur, der Duovirn und der zwei Aedilen.

 

Größe des Veteranenvexillums

Das Veteranenvexillum (vexillum veteranorum) war nach Tacitus (Annalen 3,21) im 1.Jhd.n.Chr. "nicht mehr als 500 Mann stark". Es war also etwa eine Kohorte mit Fahnenträger (vexillarius veteranorum legionis). Man vermutet, daß im Lager Inchtuthil / Pinnata Castra bei der 1.Legionskohorte (in sechs Centurienkasernen) ein Veteranenvexillum in vier Centurienkasernen (= zwei Manipel) lagerte.

Verglichen mit Inchtuthil kämen in Rottweil in der Retentura von Kastell III zwei Veteranenvexilla (mit acht Centurien = vier Manipel) von zwei Legionen in Betracht. In der leider überbauten Praetentura wäre nochmals Platz für weitere acht Kasernen, also für zwei weitere Veteranenvexilla.

Damit kann erwogen werden, daß im Jahre 75 n.Chr. zur Gründung des Municipiums Arae Flaviae / Rottweil von jeder Legion des oberen Heeres (exercitus superior) ein Veteranenvexillum abkommandiert wurde: vom Legionslager Mainz / Mogontiacum zwei Veteranenvexilla, ein Veteranenvexillum vom Legionslager Windisch / Vindonissa und ein Veteranenvexillum von dem Legionslager Straßburg / Argentorate.

 

Kastell III – Keimzelle des Municipiums

Wie bereits erwähnt, war Kastell III die Keimzelle des Municipiums: Vermessung, Straßennetz, Bebauungspläne für Häuser, Tempel, Theater, Wasserversorgung, Handwerksbetriebe, Friedhof - wurden im Lagerforum (Principia) konzipiert und von hier aus die Bauausführung der Pläne überwacht und gesteuert.

Wir wissen, daß vergleichsweise in der Lagervorstadt (canabae legionis) der Legionslager Bauweise und Form der Bauten so sehr der militärischen Verwaltung unterstanden, daß in jedem fünften Jahr ein Primipilus eine Bestandsaufnahme in ihnen machte.

Nach dem Vorbild der Canabae legionis könnten die Veteranen in Kastell III die Duo viri iure dicundo, den Ordo und die Decurionen, die Aedilen und die Qaestoren gewählt haben. Mittelpunkt der Verwaltung war zunächst das Lagerforum (principia) in der Latera praetorii, wo die Duo viri iure dicundo möglicherweise in den beiden Häusern neben den Principia wohnten. Entsprechend dem Fertigwerden ihrer Häuser in der Lagervorstadt, der zu gründenden neuen Stadt werden die Veteranen aus dem Lager zu ihren Familien umgezogen sein. Nach ihrer endgültigen Entlassung (missio honesta) waren sie im Besitz des Ius conubii und konnten jetzt mit ihren Frauen eine vor dem Gesetz gültige, legale Ehe schließen.

Sobald das neue Rathaus (Vila A) im Municipium bezugsfertig war, vertauschte auch die Stadtverwaltung das Lagerforum (Principia) in Kassstell III mit dem neuen Forum municipii Arae Flaviae. Kastell III hatte seine Funktion erfüllt und konnte aufgegeben werden. Die Schutzfunktion für das Municipium Arae Flaviae ging über an die Besatzung von Kastell II auf dem linken Neckarufer (s.o.).

 

Gründung des Municipiums Arae Flaviae

C.Sebastian Sommer ist der Meinung, Domitian (81-96 n.Chr.) habe das Municipium eingerichtet.

Aber Domitian ist es, der mit seinem Chattenkrieg 83 n.Chr. im Taunus und der Wetterau, 10 Jahre nach dem Bau der Rhein-Donau-Straße von Straßburg nach Rätien, eine neue Politik einleitet, die zum Bau der neuen Rhein-Donau-Straße von Mainz / Mogontiacum-Stettfeld-Cannstatt-Urspring-Faimingen nach Ausgburg / Augusta Vindelicum führt. Damit verlagert sich in domitianischer Zeit der politische Schwerpunkt von Rottweil / Arae Flaviae in die neue Provinzhauptstadt Mainz / Mogontiacum an den Mittelrhein. Arae Flaviae / Rottweil verliert in domitianischer Zeit seine religiös-politische Bedeutung.

Juliane Wilmanns möchte die Stadtrechtverleihung in die Zeit während des Aufenthaltes Traians als Statthalter in Obergermanien in die Jahre 96/97 oder 98 n.Chr. verlegen.

Die Neubesiedlung des Gebietes südlich von Kastell III an der 74 n.Chr. angelegten Rhein-Donau-Straße (dem Cardo maximus der neuen Siedlung) erfolgt unter Aufsicht der Legionssoldaten in Kastell III über eine Entfernung von 650 m (bis zum Gräberfeld im Kapellenösch) nach den archäologischen Befunden gleichzeitig, "praktisch ohne Unterbrechungen in einem sehr rasch sich vollziehenden Vorgang" in vespasianischer Zeit. Kastell III wird in domitianischer Zeit aufgegeben. Die einheitliche Planung dürfte auf Vespasian zurückgehen, der dieser neuen Siedlung seinen Namen gibt: Arae Flaviae - wie Traian die Civitas Ulpia Sueborum Nicretum nach seinem Namen benennen läßt.

 

 

2.  Theater

Am Abhang zur Prim vermutet Alfred Rüsch auf Grund einer leicht gekrümmten Mauer und eines sehr kräftigen Strebepfeilers ein szenisches Theater. Der Ostteil des Theaters dürfte von der Prim abgeschemmt worden sein. Der Bahnbau hat im letzten Jahrhundert das Theater zerstört. Erdwiderstandsmessungen in dem beim Bahnbau fast vollständig beseitigten Areal ergaben eine ausgeprägte Anomalie.

C.S.Sommer hält ein szenisches Theater an der von Rüsch vermuteten Stelle mit Blick über die Prim für sehr wahrscheinlich. Er möchte zwei Inschriftenplatten mit dem Namen im Genitiv als Sitzstufen mit Eigentümerbezeichnungen diesem Theater zuordnen (siehe Theatersitzstufe 12).

 

12  Theatersitzstufe mit Besitzerinschrift

 

 

3.  Tempel

Am Südostrand von Arae Flaviae entdeckte Rudolf Ströbel 1956/57 die Fundamente von drei gallo - römischen Umgangstempeln. Der größte hat eine Seitenlänge von 20 m. Der quadratische Mittelraum (cella), in dem das Kultbild stand, war von einem überdachten Säulengang umgeben. Den Tempelbezirk umfaßte sehr wahrscheinlich eine Mauer. Funde von Götterfiguren fehlen. Eine Ausgrabung 1983 in der sogenannten Villa B zeigte, daß es sich hier um einen Umgangstempel in einem großen Hof mit umgebenden Porticus und Raumfluchten handelt - nördlich der O-W-Mittelachse von Basilica und Forum gelegen.

 

 

Kaiserkult – Seviri Augustales

Im Municipium Arae Flaviae ist für den Kaiserkult ein Priesterkollegium von sechs Priestern (Seviri Augustales) zu erwarten. Für dieses Amt, zu dem auch Frauen berufen werden können, bewerben sich vor allem reiche Bürger, die für die Finanzierung der Festlichkeiten aufkommen, wofür ihnen ein Ehrensitz im Theater zusteht (siehe Theatersitzstufe Nr. 12)

 

Ara Romae et Augusti

Ara Ubiorum

Arae Flaviae

Wie bereits erwähnt, sind seit augusteischer Zeit Mittelpunkte des Kaiserkultes in den Provinzen nördlich der Alpen:

1.  Ara Romae et Augusti in Lugdunum / Lyon für die drei gallischen Provinzen –

2.  Ara Ubiorum im Oppidum Ubiorum / Köln für die Provincia Germania Magna bis zur Elbe –

Hinzu kommt in flavischer Zeit: Arae Flaviae im Municipium Arae Flaviae / Rottweil für das im Jahre 74 n.Chr. neu hinzugewonnene rechtsrheinische Gebiet.

 

Am Altar in Lugdunum / Lyon wurde seit dem Jahre 12 v.Chr. alljährlich am 1.August das große Kaiserkultfest gefeiert, zu dem die Abgeordneten der 60 (oder 64) gallischen Civitates anreisen. Ein Magister sacrorum augustalium oder ein Flamen Romae et Augusti oder Flamen Augusti leitet die Feier zur Ehrung des regierenden Kaisers.

Zum Priester am Altar der Ubier (Ara Ubiorum) in Köln / Oppidum Ubiorum war im Jahre 9 n.Chr. Segimundus, Sohn des Cheruskerfürsten Segestes, gewählt worden (Tacitus, Annalen I 57). Auf die Nachricht von der vernichtenden Niederlage der Römer im Wiehengebirge nördlich Osnabrück zerreißt Segimundus seine Priesterbinden und flieht über den Rhein zu den Aufständischen.

 

 

4.  Bad 1 unter der Pelagiuskirche

 

Im Stadtgebiet von Rottweil sind bis jetzt drei Bäder bekannt geworden:

1. unter der Pelagiuskirche (Bad 1)

2. bei der "Villa C" (mansio) in Kastell III (Bad 2)

3. auf dem Nikolausfeld am Ruhe Christi Friedhof (Bad 3)

 

Bei Renovierung der romanischen Pelagiuskirche des 12.Jhds. wurde 1898 unter der Kirche ein römisches Bad (Rottweil Bad 1) entdeckt, in das die Kirche hineingebaut worden war – wie Santa Maria degli Angeli in Rom mitten in die Diokletianstherme. Der Grundriß des römischen Bades (ca 42 m x 40 m) ist nicht vollständig erhalten.

 

Pelagiuskirche

In Urkunden wird die Pelagiuskirche in Rottweil Altstadt zum ersten Mal am 6.Juli 1264 genannt. Es ist eine dreischiffige, flachgedeckte Pfeilerbasilika mit zwei Türmen an den Ostenden der Seitenschiffe. Das Mittelschiff schließt mit einer großen, halbrunden Apsis. Beim Umbau 1898/1899 wurde die Kirche nach Osten verlängert, die beiden Seitenschiffe abgebrochen und verbreitert. Ein Querschiff wurde eingebaut. Unter dem Südpfeiler der Vierung wurde ein 2,10 m im Dm großes Warmwasserbecken (labrum) aus Sandstein gefunden, das wir 1992 im Dominikanermuseum in Funktion ausgestellt haben. Eine Kunststeinnachbildung des Beckens wurde bei der Pelagiuskirche aufgestellt. Das Labrum, in das beim Badebetrieb laues Wasser zur Abkühlung nach dem heißen Bad sprudelte, ist mit dem Labrum im Bad des Kastells Hüfingen / Brigobanne zu vergleichen

Auffällig sind die hohen Hypokausträume des Bades, von denen der unter Raum E liegende Teil heute noch begangen werden kann. Raum E ist über eine Treppe auf der Nordseite des Kirchenquerschiffs zugänglich. Das zum Municipium Arae Flaviae, der römischen Stadt zwischen Neckar und Prim, gehörende Bad 1 haben die im Kastell III als Baukommando stationierten Veteranen als Neusiedler der römischen Stadt mit ihren Familien in vespasianischer Zeit (Bauinschrift als Gründungsurkunde 75 n.Chr.) mit Ziegeln der von 70 – 102 n.Chr. in Vindonissa / Windisch stationierten 11.Legion (Legio XI Claudia pia fidelis) erbaut.

 

Pelagius – Schutzpatron der Kirche

Der heilige Pelagius hat zur Zeit der Regierung des Kaisers Marcus Aurelius Numerius Numerianus (283-284 n.Chr.) bei der Christenverfolgung 283 n.Chr. in Istrien das Matyrium erlitten. Seine Gebeine hat Bischof Salomon 904 nach Konstanz gebracht, wo Pelagius Mitpatron des Konstanzer Münsters und des damaligen Bistums Konstanz wurde, zu dem auch Rottweil gehörte.

Der Vater des Marcus Aurelius Numerius Numerianus war Kaiser Marcus Aurelius Carus (282-283 n.Chr.), geboren in Naona in Illyrien, gestorben ca August 283 n.Chr. bei Ktesiphon in Mesopotamien. Er war unter Kaiser Probus (276-282 n.Chr.) Prätorianerpraefect und wurde ca Oktober 282 n.Chr. von den Truppen in Rätien zum Gegenkaiser erhoben und nach der Ermordung des Probus allgemein anerkannt. Carus erhob seine Söhne Carinus und Numerianus zu Caesaren (282 n.Chr.). Sie kämpften zusammen gegen die Germannnen. Carinus war seit 283 n.Chr. Augustus. Er wurde im Frühjahr 285 n.Chr. ermordet.

 

Frühe Christen in Rottweil

Nach den Münzfunden haben die Bewohner der römischen Stadt Arae Flaviae den Alamanneneinfall 260 n.Chr. überlebt – und ihr Bad als Versammlungsort auch weiterhin genutzt. Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es unter ihnen im 3./4.Jahrhundert n.Chr. Christen, die das römische Bad für ihre gottesdienstlichen Versammlungen und vor allem das im Bad vorhandene Wasser für die Taufe der Gläubigen nutzten. Der bis jetzt bekannt gewordene älteste Kirchenbau ist archäologisch in das späte 11. Jahrhundert datiert. Vorgängerbauten sind zu erwarten.

 

Christen in der Schweiz

Das Christentum hatte sich im späten 2.Jahrhundert n.Chr. von Massilia / Marseille rhonetalaufwärts ausgebreitet. In Lugdunum / Lyon kam es 177 n.Chr. zu einer Christenverfolgung mit Hinrichtungen im Amphitheater beim Altar für Roma und Augustus. Nach der Schlacht an der Milvischen Brücke in Rom (28.Oktober 312 n.Chr.) – Konstantin der Große (306-337 n.Chr.) ließ von seinen Soldaten vor der Schlacht das Christogramm an ihren Fahnen anbringen – vereinbarten Konstantin und Licinius (308-324 n.Chr.) im Februar 313 n.Chr. in Mediolanum / Mailand Religionsfreiheit für Heiden und Christen. Theodosius I.(379-395 n.Chr.) verbot am 24.Februar 391 n.Chr.in einem Edikt heidische Opfer und den Besuch heidnischer Tempel.

Der christliche Glaube kam im 4.Jhd.n.Chr. über Genava / Genf, Forum Claudia Vallensium / Martigny, Sion / Sitten, Curia / Chur, Aventicum / Avenches in die Schweiz und an den Rhein (Basilia / Basel, Castrum Rauracense / Kaiseraugst). Am Hochrhein haben die frühen Christen nach Abzug der römischen Truppen (400 n.Chr.) in das verlassene spätrömische Kastell Zurzach / Tenedo auf dem Kirchlibuck eine Kirche mit Baptisterium und Kaplanei hineingebaut.

 

Rottweil

Nach 260 n.Chr. dürfte, wie bereits erwähnt, das ehemalige römische Bad 1 auch weiterhin Treffpunkt der Überlebenden des Alamanneneinfalls gewesen sein und von den frühen Rottweiler Christen für ihre gottesdienstlichen Versammlungen und das vorhandene Wasser für die christliche Taufe genutzt worden sein. Das erklärt jedenfalls den späteren Einbau einer christlichen Kirche in den wohl bekannten Grundriß des früheren römischen Bades. Die engen kulturellen Beziehungen Rottweils zu Vindonissa und der Schweiz über die uralte S-N-Verkehrsader aus dem Rhonetal über Vindonissa nach Tenedo / Zurzach an den Rhein – durch das Wutachtal – nach Hüfingen / Brigobanne ins Donautal, nach Rottweil in das Neckartal werden auch nach 260 n.Chr. weiterhin existiert haben. In Vindonissa sind im 6.Jhd. die Bischöfe Bubulcus, Grammatius und Ursinus bezeugt. Nach einer Bauinschrift in Vindonissa wurde im Jahre 590 das Bistum von Windisch nach Konstanz an den Bodensee verlegt.

 

Aalen

Der Prozess der Rottweiler Christianisierung ist zu vergleichen mit den Aktivitäten der frühen Christen in Aalen. Nach dem Alamanneneinfall 260 n.Chr. hat die Ala II Flavia milliaria das Kastell an der Aal verlassen. Die zurückgebliebenen Siedler des Vicus Alae Flaviae beiderseits der Aal haben daraufhin das verlassene Kastell als Steinbruch benutzt und auf der noch gut sichtbaren und benutzbaren Ausfallsstraße (via praetoria) tonnenschwere Steine herangekarrt und unmittelbar vor dem Ausfallstor (porta praetoria) mitten auf der Straße eine W-O orientierte, 8,15 m x 10,60 m große frühchristliche Kirche (wie in Zurzach / Tenedo und Kaiseraugst / Augusta Raurica) mit Kaplanei und Baptisterium gebaut. Die als Spolie vermauerte Weiheinschrift für Iupiter Dolichenus ist dabei keinesfalls zufällig als Spolie vermauert worden. Bewußt sollte damit zum Ausdruck gebracht werden, daß die alten Götter versagt hatten und jetzt in unmittelbarer Nähe des mutmaßlichen ehemaligen heiligen Bezirkes vor der Praetorialseite des ehemaligen Kastells ein Gotteshaus für die neue Heilslehre, den Erlöser Sol invictus Christus gebaut wurde. Der Kirchenpatron St.Johannis, wahrscheinlich der Täufer, könnte ein Hinweis dafür sein, daß das Gotteshaus Taufkirche der Region, des ehemaligen Territoriums Alae II Flaviae milliariae war.

 

 

 

5.  Mansio (Raststation)

Dieter Planck vergleicht die Villa C auf dem Gelände des ehemaligen Kastells III mit einem Gebäude der Insula XXX in Augst / Augusta Raurica, das R.Laur-Belart als Unterkunftshaus deutet. Planck möchte in dem Rottweiler Gebäudeensemble: Villa C, Bad 2 und einem langen Bau mit kleinen Kammern eine Raststation (mansio, statio, mutatio) an der von Windisch/Vindonissa kommenden S-N-Straße nach Rottenburg/Sumelocenna sehen. Alfred Rüsch übernimmt diese Deutung. Margot Klee widerspricht. C.Sebastian Sommer macht auf die Anbindung der mutmaßlichen Straßenstation durch die Via decumana des ehemaligen Kastells III an die S-N-Straße aufmerksam: das Unterkunftshaus (Villa C) wird von der Via decumana, Via Quintana und Via Sagularis des ehemaligen Kastells III begrenzt.

In römischer Zeit reist man zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Wagen von Raststation zu Raststation, von Mansio zu Mansio. Vorsteher einer solchen Station mit Herberge ist der Manceps oder Praepositus stationis. Er hat die Aufsicht über das Personal, etwa 16-18 Personen: Tierärzte (mulomedici), Pferdeknechte (hippocomi), Maultiertreiber (muliones), Stellmacher (carpentarii). Während einer Tagesreise werden zwei- bis dreimal die Reit- oder Zugtiere gewechselt.

 

 

Vitrine 11  Holzbau und Zimmermann

 

 

Vitrine 12  Steinbau und Maurer


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