Die
römische Stadt, das Municipium
Arae Flaviae, hat die gleiche Hauptstraße (Cardo
maximus) wie Kastell III. Die von Straßburg / Argentorate kommende
Rhein-Donau-Straße benutzt diese Hauptstraße bis zum
Gräberfeld im Kapellenösch, wo sie nördlich des
Gräberfeldes in Richtung Tuttlingen, nach Rätien abbiegt. Im Forum (Villa A) an der Fernstraße hat Peter
Goessler 1906 das Bruchstück einer Kaiserinschrift,
einer Bauinschrift aus dem Jahre 75 n.Chr. als Spolie vermauert gefunden
(siehe Kaiserinschrift Nr.4 im Mosaikraum). Mit Caesar
Augusti Filius, Consul III, designatus IIII ist Domitiian im Jahre 75 n.Chr.
gemeint
- ein Jahr zuvor
wird er in der Inschrift des Offenburger Meilensteines, mit Consul II,
designatus III, im Jahre 74 n.Chr. genannt.

Geländemodell
des Municpiums Arae Flaviae.
Das nördlich von London / Londinium gelegene Municipium
Verulamium / St.Albans (Hertfordshire), Vorort
der Catuvellauni,
gelangt in flavischer Zeit (69-96 n.Chr.) zu großem Wohlstand. Aus dieser
Epoche stammt die gleiche Forumsanlage wie in Rottweil.
Auch in dem Forum Verulamium wurden Bruchstücke einer Bauinschrift aus dem Jahr 79 n.Chr. ausgegraben.
FO:
Forum Verulamium
[Imp(eratori) Tito
Caesari divi] Vespa[siani] f(ilio) Ves[pasiano Aug(usto)
/ p(ontifici) m(aximo) tr(ibunicia) p(otestate) VIIII, imp(eratori) XV , co(n)s(uli) VII,] desig[(nato)
VIII, censori, patri patriae / et Caesari divi Vespa]sian[i
f(ilio) Do]mi[tiano, co(n)s(uli) VI,
desig(nato) VII, principi / iuventutis et] omn[ium
collegiorum sacerdoti / Cn(eio) Iulio A]gric[ola Legato Aug(usti) pro] pr(aetore) / [civitas Catu]vel[launorum foro exor]nata
Übersetzung
Dem
Imperator Titus Caesar Vespasianus Augustus,
des göttlichen Vespasianus Sohn, /
Oberpriester, als er die tribunizische Gewalt zum 9.Mal inne hatte, Imperator
zum 15.Mal, Konsul zum 7.Mal war, designiert zum
8.Mal, Censor, Vater des Vaterlandes / und dem Caesar, des göttlichen Vespasianus Sohn, Domitianus,
als er Konsul zum 6.Mal war, designiert zum 7.Mal, dem ersten / der
wehrfähigen adeligen Jugend und aller
Priesterkollegien zu Ehren / hat zur Zeit der Statthalterschaft
des Cneius Iulius Agricola / die Stadt
der Catuvellauner ein Forum erhalten.
Alberti
und Hölder hatten südlich des Hofgutes Hochmauren ein Gebäude
angegraben, das Goessler 1906 erneut untersucht und als
„Villa A“ bezeichnet. Goessler stellt einen großen Innenhof fest, der im Osten und Süden von
einem Porticus mit
anschließenden Räumen umgeben und im Westen von einer Basilica mit Apsis im Südwesten begrenzt wird. Die Westseite hat
einen rechteckigen Anbau mit Apsis auf massiven
Fundamenten (mit Strebepfeilern) und einen außen angesetzten rechteckigen
Bau. In den Anbauten fanden sich qualitätvolle Reste von Wandmalerei und Teile einer Hypokaustanlage. Goessler
datiert die Anfänge des Baues, der noch weiter in das Hofgrundstück
Hochmauren reicht, in das 1.Jhd.n.Chr.
Untersuchungen
des LDA 1988 im Hofgut Hochmauren zeigten, daß das Gebäude (die
sogenannte Villa A) eine Fortsetzung nach Norden hat. C.S.Sommer errechnet eine
N-S-Ausdehnung des Gebäudes von mehr als 60 m.
Er stellt fest, daß die aufgedeckten Mauern bis zu 1,3 m breit sind und
für den Bau der Basilica das im Westen zum Neckar hin abfallende
Gelände in römischer Zeit bis zu 2 m aufgefüllt wurde. Er ist
der Meinung, daß der jenseits der Straße, dem Cardo maximus, gelegene, an drei oder vier Seiten
von einem Porticus umgebene, nach der gleichen Achse ausgerichtete Hof zur gleichen Anlage gehört und vergleicht die
Anlage mit den Forumsanlagen von Augst / Augusta Raracorum, Silchester / Calleva Atrebatum und Ladenburg / Lopodunum. Sommer vermutet für
das Rottweiler Forum eine Ausdehnung von etwa
100 m x 60 m und weist darauf hin, daß
auch das 160 m x 80 m große Forum in Augst von
der dortigen Hauptstraße (cardo maximus) in zwei Teile geteilt wird.
Schon
Alfred Rüsch hatte die Rottweiler Villa A
mit dem Forum in Verulamium / St.Albans nördlich von London / Londinium verglichen. In Verulamium / St.Albans, am
Kreuzungspunkt der Fernstraßen: London / Londinium – Wroxeter / Viroconium und Colchester / Camulodunum – Gloucester / Glevum entsteht an dem
Flüßchen Ver, ähnlich wie in Rottweil am Neckar, in der
2.Hälfte des 1.Jhds.n.Chr. als Hauptort der
gallischen Catuvellauni eine unbefestigte Siedlung, die Tacitus (annalen 14,33) als Municipium bezeichnet.
Die Siedlung gelangt in vespasianischer Zeit zu großem Wohlstand. Aus vespasianischer
Zeit stammt die gleiche Forumsanlage wie in Rottweil
mit Innenhof, Basilica und
drei rechteckigen Anbauten im Südwesten, von denen der mittlere als Curia, Versammlungsraum der
Decurionen, anzusprechen ist.
Sowohl
in dem Forumsgebäude in Verulamium
als auch in dem Forum in Rottweil wurden Bruchstücke
von Bauinschriften gefunden. Die vor dem Eingang der Basilica in Verulamium ausgegrabenen
Inschriftbruchstücke gehören zu einer etwa 1,02
m x 4,68 m großen Inschriftplatte mit Rahmenleiste (wie in Rottweil). Die
von den Ausgräbern in das Jahr 79 n.Chr. datierte Inschrift - der
Name Domitians ist rasiert (damnatio
memoriae) - berichtet von einem zur Zeit der
Statthalterschaft des Cneius Iulius
Agricola (77/78-83/84 n.Chr. Statthalter von Britannien)
"Geschmückten oder Verliehenen": [or]NATA, [exor]NATA oder
[do]NATA. Die Ausgräber vermuten, daß die Inschrift sich auf den
Neubau der Basilica oder des Forums bezieht.
Auch die
von Goessler und Barthel in das Jahr 75 n.Chr.
datierte Rottweiler Bauinschrift (s.o) berichtet von etwas Neuem, das
geschaffen wurde: NOVI F[aciendum curaverunt].
Im Jahre 75 n.Chr. kommen in Rottweil in erster Linie Bauten und
Neueinrichtungen der entstehenden bürgerlichen Siedlung südlich von
Kastell III in Betracht. In der Rottweiler
Kaiserinschrift ist im Jahre 75 n.Chr. außer Domitian die Nennung des Kaisers Vespasian und seines Sohnes Titus zu
erwarten. Eine Rekonstruktion der Inschrift mit Titulatur der drei
Flavier im Jahre 75 n.Chr. (wie sie Zangemeister für die Rekonstruktion
der Inschrift des Offenburger Meilensteines, auf dem ebenfalls nur der Name
Domitians erhalten ist, für das Jahr zuvor, 74 n.Chr., annimmt) ergibt
eine ungefähre Größe der Inschriftplatte
von etwa 1,70 m x 5 m. Dieser Dimension entspricht die Größe
der Rahmenleiste.
Wir
haben das Inschriftbruchstück nach oben mit der Rahmenleiste durch eine
Kunststeinnachbildung ergänzt und im Mosaikraum ausgestellt (an der
Treppe). "Die Buchstabenhöhe von 16 cm
zeichnet die Inschrift als Monumentaltitel aus, wie er
hoch über dem Betrachter zu finden ist" (G.Walser). Die
Inschrifttafel könnte in der Basilica oberhalb des Einganges zu
der etwa 10 m breiten, mutmaßlichen Curia, dem Versammlungsraum der
Decurionen, angebracht gewesen sein.
Es
ist zu wünschen, daß durch Ausgrabungen im Bereich des Forums bald
weitere Bruchstücke dieser für die Geschichte von Arae Flaviae / Rottweil so
wichtigen Kaiserinschrift, der ältesten Inschrift
und einzigen Kaiserinschrift Württembergs, gefunden werden.
Die
Stationierung von Legionssoldaten in Kastell III
rechtfertigt die Annahme, daß es sich um Veteranen
(veterani) handelt, die
Kaiser Vespasian als Neusiedler in das neu zu gründende
Municipium Arae Flaviae als
Veteranensiedlung abkommandieren ließ. In die nähere Wahl
kommen Veteranen der oberen Heeresgruppe (exercitus superior): Legio XI Claudia pia fidelis in Vindonissa / Windisch (in
Rottweil wurden zahlreiche Ziegelstempel der 11.
Legion von Windisch / Vindonissa
gefunden), Legio VIII Augusta
in Argentorate /
Straßburg, Legio I Adiutrix
und Legio XIV Gemina in Mogontiacum / Mainz. Die Legio VII Gemina - vielleicht auch
nur eine Vexillatio - war um 73
n.Chr. vorübergehend aus Spanien an den Oberrhein abkommandiert worden.
Den Namen Arae Flaviae dürfte
Vespasian für seine Neugründung im Hinblick auf die
Provinzgründungen nördlich der Alpen gewählt haben: Die Ara Romae et Augusti in Lugdunum
/ Lyon war seit 12 v.Chr.
Mittelpunkt der drei gallischen Provinzen, die Ara
Ubiorum im Oppidum Ubiorum / Köln war bis zum Jahre 9 n.Chr.
Mittelpunkt der großgermanischen Provinz bis zur Elbe (Provincia Germania
magna). Arae Flaviae / Rottweil sollte
Mittelpunkt des 74 n.Chr. neu hinzugewonnenen rechtsrheinischen Gebietes
werden.
Seit
Augustus (31 v.Chr. – 14 n.Chr.) werden die Legionssoldaten nach zwanzigjähriger Dienstzeit entlassen (missici). Sie werden ihres
Schwures entbunden (exauctorari) und hören auf, unter dem Befehl des legatus legionis zu stehen. Sie
bleiben aber weiterhin im jeweiligen Legionslager
unter dem Vexillum,
unter welchem sie in die ihnen bestimmte Colonia
oder Municipium abgeführt
werden sollen, vereint und heißen Vexillarii. Angeführt werden
sie von einem Curator
veteranorum, der nach Theodor Mommsen von
ihnen gewählt wird und etwa den Rang eines
Adlerträgers (aquilifer legionis)
hat. Neben und unter dem Curator stehen ein Quaestor veteranorum und ein Actor.
Nach ihrer Entlassung (missio honesta) können die Veteranen ihren
Alterssitz frei wählen: Stadt, Lagervorstadt, auf dem Lande. Nach Joachim
Marquardt existiert in den Lagervorstädten (canabae legionis)
anfänglich eine Verfassung, nach der ein Rat (ordo) von Decurionen und als militärischer
Vorstand ein Curator veteranorum et
civium Romanorum, qui consistunt ad canabas legionis, gewählt wird.
Daneben kommt auch ein Quaestor
veteranorum vor. Am Ende des 1.Jhds.n.Chr. wird der militärische Curator durch eine bürgerliche
Behörde ersetzt: durch zwei Magistri und einen Aedilis. Theodor Mommsen sieht darin eine Nachbildung der
Municipalmagistratur, der Duovirn und der zwei Aedilen.
Das Veteranenvexillum (vexillum
veteranorum) war nach Tacitus (Annalen 3,21)
im 1.Jhd.n.Chr. "nicht mehr als 500 Mann
stark". Es war also etwa eine Kohorte mit
Fahnenträger (vexillarius
veteranorum legionis). Man vermutet, daß im Lager Inchtuthil / Pinnata
Castra bei der 1.Legionskohorte (in sechs Centurienkasernen) ein Veteranenvexillum in vier Centurienkasernen (= zwei Manipel)
lagerte.
Verglichen
mit Inchtuthil kämen in Rottweil in der Retentura
von Kastell III zwei Veteranenvexilla (mit acht Centurien = vier Manipel) von
zwei Legionen in Betracht. In der leider überbauten Praetentura
wäre nochmals Platz für weitere acht Kasernen, also für zwei
weitere Veteranenvexilla.
Damit
kann erwogen werden, daß im Jahre 75 n.Chr. zur
Gründung des Municipiums Arae Flaviae / Rottweil von jeder Legion des
oberen Heeres (exercitus superior) ein Veteranenvexillum abkommandiert wurde:
vom Legionslager Mainz / Mogontiacum zwei Veteranenvexilla, ein
Veteranenvexillum vom Legionslager Windisch / Vindonissa und ein
Veteranenvexillum von dem Legionslager Straßburg / Argentorate.
Kastell III – Keimzelle des Municipiums
Wie
bereits erwähnt, war Kastell III die Keimzelle des
Municipiums: Vermessung, Straßennetz, Bebauungspläne für
Häuser, Tempel, Theater, Wasserversorgung, Handwerksbetriebe, Friedhof -
wurden im Lagerforum (Principia) konzipiert und von hier aus die Bauausführung
der Pläne überwacht und gesteuert.
Wir
wissen, daß vergleichsweise in der Lagervorstadt
(canabae legionis) der
Legionslager Bauweise und Form der Bauten so sehr der militärischen
Verwaltung unterstanden, daß in jedem fünften Jahr ein Primipilus eine Bestandsaufnahme in
ihnen machte.
Nach
dem Vorbild der Canabae legionis könnten die Veteranen in Kastell III die Duo
viri iure dicundo, den Ordo und die Decurionen,
die Aedilen und die Qaestoren gewählt
haben. Mittelpunkt der Verwaltung war zunächst das Lagerforum (principia)
in der Latera praetorii, wo die
Duo viri iure dicundo möglicherweise in den beiden Häusern neben den Principia wohnten. Entsprechend
dem Fertigwerden ihrer Häuser in der Lagervorstadt, der zu gründenden
neuen Stadt werden die Veteranen aus dem Lager zu ihren Familien umgezogen
sein. Nach ihrer endgültigen Entlassung (missio honesta) waren sie im
Besitz des Ius conubii
und konnten jetzt mit ihren Frauen eine vor dem Gesetz
gültige, legale Ehe schließen.
Sobald
das neue Rathaus (Vila A) im Municipium
bezugsfertig war, vertauschte auch die Stadtverwaltung das Lagerforum (Principia)
in Kassstell III mit dem neuen Forum
municipii Arae Flaviae. Kastell III hatte seine Funktion
erfüllt und konnte aufgegeben werden. Die Schutzfunktion
für das Municipium Arae Flaviae
ging über an die Besatzung von Kastell II auf dem linken Neckarufer
(s.o.).
C.Sebastian
Sommer ist der Meinung, Domitian (81-96 n.Chr.) habe das Municipium eingerichtet.
Aber
Domitian ist es, der mit seinem Chattenkrieg 83 n.Chr. im Taunus und der
Wetterau, 10 Jahre nach dem Bau der Rhein-Donau-Straße von
Straßburg nach Rätien, eine neue Politik einleitet, die zum Bau der
neuen Rhein-Donau-Straße von Mainz / Mogontiacum-Stettfeld-Cannstatt-Urspring-Faimingen nach Ausgburg
/ Augusta Vindelicum
führt. Damit verlagert sich in domitianischer
Zeit der politische Schwerpunkt von Rottweil / Arae Flaviae in die neue Provinzhauptstadt Mainz / Mogontiacum an den Mittelrhein.
Arae Flaviae / Rottweil
verliert in domitianischer Zeit seine religiös-politische Bedeutung.
Juliane
Wilmanns möchte die Stadtrechtverleihung in die Zeit während des
Aufenthaltes Traians als Statthalter in Obergermanien in die Jahre 96/97 oder
98 n.Chr. verlegen.
Die
Neubesiedlung des Gebietes südlich von Kastell III an der 74 n.Chr.
angelegten Rhein-Donau-Straße (dem Cardo
maximus der neuen Siedlung) erfolgt unter Aufsicht der Legionssoldaten
in Kastell III über eine Entfernung von 650 m (bis zum Gräberfeld im
Kapellenösch) nach den archäologischen Befunden gleichzeitig, "praktisch ohne Unterbrechungen in einem
sehr rasch sich vollziehenden Vorgang" in
vespasianischer Zeit. Kastell III wird in domitianischer Zeit
aufgegeben. Die einheitliche Planung dürfte auf Vespasian
zurückgehen, der dieser neuen Siedlung seinen
Namen gibt: Arae
Flaviae - wie Traian die Civitas Ulpia Sueborum Nicretum nach
seinem Namen benennen läßt.
Am
Abhang zur Prim vermutet Alfred Rüsch auf Grund einer leicht gekrümmten
Mauer und eines sehr kräftigen Strebepfeilers
ein szenisches Theater. Der Ostteil des
Theaters dürfte von der Prim abgeschemmt worden sein. Der Bahnbau hat im
letzten Jahrhundert das Theater zerstört. Erdwiderstandsmessungen in dem
beim Bahnbau fast vollständig beseitigten Areal ergaben eine
ausgeprägte Anomalie.
C.S.Sommer
hält ein szenisches Theater an der von Rüsch vermuteten
Stelle mit Blick über die Prim für sehr wahrscheinlich. Er
möchte zwei Inschriftenplatten mit dem Namen im
Genitiv als Sitzstufen mit Eigentümerbezeichnungen diesem Theater zuordnen
(siehe Theatersitzstufe 12).
12 Theatersitzstufe mit Besitzerinschrift
Am
Südostrand von Arae Flaviae entdeckte Rudolf Ströbel 1956/57 die
Fundamente von drei gallo - römischen
Umgangstempeln. Der größte hat eine Seitenlänge von 20
m. Der quadratische Mittelraum (cella),
in dem das Kultbild stand, war von einem überdachten Säulengang
umgeben. Den Tempelbezirk umfaßte sehr wahrscheinlich eine Mauer. Funde
von Götterfiguren fehlen. Eine Ausgrabung 1983 in der sogenannten Villa B
zeigte, daß es sich hier um einen Umgangstempel in einem großen Hof
mit umgebenden Porticus und Raumfluchten handelt - nördlich der
O-W-Mittelachse von Basilica und Forum gelegen.
Im Municipium Arae Flaviae ist für den Kaiserkult ein Priesterkollegium von sechs
Priestern (Seviri Augustales)
zu erwarten. Für dieses Amt, zu dem auch Frauen berufen werden
können, bewerben sich vor allem reiche Bürger, die für die
Finanzierung der Festlichkeiten aufkommen, wofür ihnen ein Ehrensitz im Theater zusteht (siehe Theatersitzstufe
Nr. 12)
Wie
bereits erwähnt, sind seit augusteischer Zeit Mittelpunkte
des Kaiserkultes in den Provinzen nördlich der Alpen:
1.
Ara Romae et Augusti in Lugdunum / Lyon für
die drei gallischen Provinzen –
2.
Ara Ubiorum im Oppidum
Ubiorum / Köln für die Provincia Germania Magna bis zur Elbe –
Hinzu kommt in flavischer Zeit: Arae Flaviae im Municipium Arae Flaviae / Rottweil für
das im Jahre 74 n.Chr. neu hinzugewonnene rechtsrheinische Gebiet.
Am
Altar in Lugdunum / Lyon
wurde seit dem Jahre 12 v.Chr. alljährlich am
1.August das große Kaiserkultfest gefeiert, zu dem die Abgeordneten
der 60 (oder 64) gallischen Civitates
anreisen. Ein Magister
sacrorum augustalium oder ein Flamen
Romae et Augusti oder Flamen
Augusti leitet die Feier zur Ehrung des regierenden Kaisers.
Zum Priester am Altar der Ubier (Ara Ubiorum) in Köln / Oppidum Ubiorum war im Jahre 9 n.Chr. Segimundus, Sohn des
Cheruskerfürsten Segestes, gewählt worden (Tacitus, Annalen I 57). Auf die
Nachricht von der vernichtenden Niederlage der Römer im Wiehengebirge
nördlich Osnabrück zerreißt Segimundus
seine Priesterbinden und flieht über den Rhein zu den Aufständischen.
Im
Stadtgebiet von Rottweil sind bis jetzt drei Bäder bekannt geworden:
1. unter der Pelagiuskirche
(Bad 1)
2. bei der "Villa C"
(mansio) in Kastell III (Bad 2)
3. auf dem Nikolausfeld am
Ruhe Christi Friedhof (Bad 3)
In
Urkunden wird die Pelagiuskirche in Rottweil Altstadt zum ersten Mal am 6.Juli 1264 genannt. Es ist eine dreischiffige,
flachgedeckte Pfeilerbasilika mit zwei Türmen an den Ostenden der
Seitenschiffe. Das Mittelschiff schließt mit einer großen,
halbrunden Apsis. Beim Umbau 1898/1899 wurde die Kirche nach Osten
verlängert, die beiden Seitenschiffe abgebrochen und verbreitert. Ein
Querschiff wurde eingebaut. Unter dem Südpfeiler der Vierung wurde ein
2,10 m im Dm großes Warmwasserbecken (labrum)
aus Sandstein gefunden, das wir 1992 im Dominikanermuseum in Funktion
ausgestellt haben. Eine Kunststeinnachbildung des Beckens wurde bei der
Pelagiuskirche aufgestellt. Das Labrum, in das beim Badebetrieb laues Wasser
zur Abkühlung nach dem heißen Bad sprudelte, ist mit dem Labrum im Bad des Kastells Hüfingen / Brigobanne
zu vergleichen
Auffällig
sind die hohen Hypokausträume des Bades, von denen der unter Raum E liegende Teil heute noch begangen werden kann.
Raum E ist über eine Treppe auf der Nordseite des Kirchenquerschiffs
zugänglich. Das zum Municipium Arae Flaviae, der römischen Stadt
zwischen Neckar und Prim, gehörende Bad 1 haben die im Kastell III als
Baukommando stationierten Veteranen als Neusiedler der römischen Stadt mit
ihren Familien in vespasianischer Zeit (Bauinschrift als Gründungsurkunde
75 n.Chr.) mit Ziegeln der von 70 – 102 n.Chr. in Vindonissa / Windisch
stationierten 11.Legion (Legio XI Claudia pia fidelis) erbaut.
Pelagius – Schutzpatron der Kirche
Der
heilige Pelagius hat zur Zeit der Regierung des Kaisers
Marcus Aurelius Numerius Numerianus (283-284 n.Chr.) bei der Christenverfolgung
283 n.Chr. in Istrien das Matyrium erlitten. Seine Gebeine hat Bischof
Salomon 904 nach Konstanz gebracht, wo Pelagius Mitpatron des Konstanzer
Münsters und des damaligen Bistums Konstanz wurde, zu dem auch Rottweil
gehörte.
Der
Vater des Marcus Aurelius Numerius Numerianus war Kaiser Marcus Aurelius Carus
(282-283 n.Chr.), geboren in Naona in Illyrien, gestorben ca August 283 n.Chr.
bei Ktesiphon in Mesopotamien. Er war unter Kaiser Probus (276-282 n.Chr.)
Prätorianerpraefect und wurde ca Oktober 282 n.Chr. von den Truppen in
Rätien zum Gegenkaiser erhoben und nach der Ermordung des Probus allgemein
anerkannt. Carus erhob seine Söhne Carinus und Numerianus zu Caesaren (282
n.Chr.). Sie kämpften zusammen gegen die Germannnen. Carinus war seit 283
n.Chr. Augustus. Er wurde im Frühjahr 285 n.Chr. ermordet.
Dieter
Planck vergleicht die Villa C auf dem Gelände des
ehemaligen Kastells III mit einem Gebäude der Insula XXX in Augst / Augusta Raurica, das R.Laur-Belart
als Unterkunftshaus deutet. Planck möchte in dem Rottweiler
Gebäudeensemble: Villa C, Bad 2 und einem langen
Bau mit kleinen Kammern eine Raststation (mansio, statio, mutatio) an der von Windisch/Vindonissa kommenden S-N-Straße
nach Rottenburg/Sumelocenna
sehen. Alfred Rüsch übernimmt diese Deutung. Margot Klee
widerspricht. C.Sebastian Sommer macht auf die Anbindung der mutmaßlichen
Straßenstation durch die Via
decumana des ehemaligen Kastells III an die S-N-Straße aufmerksam:
das Unterkunftshaus (Villa C) wird von der Via decumana, Via Quintana und Via Sagularis des ehemaligen Kastells III begrenzt.
In
römischer Zeit reist man zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Wagen von
Raststation zu Raststation, von Mansio zu Mansio. Vorsteher einer solchen
Station mit Herberge ist der Manceps oder Praepositus
stationis. Er hat die Aufsicht über das Personal, etwa 16-18
Personen: Tierärzte (mulomedici),
Pferdeknechte (hippocomi),
Maultiertreiber (muliones),
Stellmacher (carpentarii).
Während einer Tagesreise werden zwei- bis dreimal die Reit- oder Zugtiere
gewechselt.
Vitrine 11 Holzbau und Zimmermann
Vitrine 12 Steinbau und Maurer
philipp.filtzinger@uni-tuebingen.de